Es war einmal…

Geschichten, die das Leben schreibt…

Als ich in Phnom Penh Harri anspreche und nach Tipps für den nächsten Tag für Ausflüge frage, ahne ich noch nichts von seiner Obdachlosigkeit und der Geschichte, die dahinter steht.

Ich spreche ihn einfach an, so wie ich es immer mit verschiedenen Menschen tue; entweder bekomme ich einfach nur einen guten Tipp oder es entwickeln sich sogar nette Gespräche. In diesem Fall beides und wir gehen noch ein Bier trinken um uns weiter zu unterhalten.

Harri lebt schon viele Jahre hier in Kambodscha, er wird jetzt demnächst fünfzig und hat mit dem Leben in Deutschland abgeschlossen. Er ist Handwerker und hatte anfangs noch gute Aufträge, von denen er und seine wechselnden kambodschanischen Freundinnen gut leben konnten. Harri ist hungrig und fragt mich, ob ich ihm eine Runde Frösche ausgeben kann. Ich kann. Und so knabbert er an den frittierten Froschbeinen herum, während er weiter erzählt. Seine erste Freundin hatte etwas Land in der Stadt, wo er ein kleines Häuschen drauf baute und mit Gelegenheitsjobs das Mädchen, die Mutter und den Sohn ernährte. Dafür brauchte seine Freundin nicht mehr in der Prostitution arbeiten und konnte zu Hause bleiben und sich um ihren Sohn kümmern. Manchmal langte das Geld aber auch nur für seine Zigaretten und seine Tabletten, denn er bekam einen Bandscheibenvorfall und muss seitdem starke Schmerztabletten nehmen. Bekommt man ja hier alles ohne Arzt. Kostet eben nur. Rücklagen waren schon längst aufgebraucht, durch eine Pleite in München in der Gastronomie damals mit seinen Eltern zusammen. Die leben jetzt schon  lange von Hartz 4. Harri nicht. Hier gibt es das nämlich nicht.

Mir fallen erst jetzt seine starke Abmagerung und die Kuhlen in den Wangen auf. Mangelnde Zahnhygiene hat seine Zähne dahingerafft. Harri sagt, nur die wenigsten Menschen wissen was wirklich Hunger ist. Es ist kein Geld da. Nicht zum Essen und nicht für die Gesundheit. Er fieselt weiter an den trockenen Fröschen rum und erzählt das seine Freundin mittlerweile einen Amerikaner geheiratet hat, sein Quad, sein Pass und alle Dinge aber noch in dem Haus sind. Und er nicht dran kann, weil er ihr noch Geld schuldet. Sein Laptop, Handy und alles was er sonst noch besaß ist mittlerweile im Pfandhaus. Ja, das gibt es hier in Kambodscha auch. Geld zuschicken lassen kann er sich nicht, dafür brauch er seinen Pass. Den Quad verkaufen kann er nicht, dafür brauch er das Geld um ihn auszulösen. Aufträge kann er nicht mehr annehmen, weil sein Handy weg ist. Mittlerweile isst er die Reste von meinem Teller weiter, ich nehm noch schnell meine Serviette runter.

Er hat danach noch andere ähnlich schlecht laufende Bekanntschaften gehabt. Wir unterhalten uns über alles Mögliche und ich merke ihm seine besseren Zeiten an. Er ist gebildet, kennt sich mit vielen Dingen gut aus und von seinem Handwerk versteht er eine Menge. Jetzt teilt er sich gerade mit einigen anderen kambodschanischen Obdachlosen ein Zimmer für 7 USD. Manchmal gibt es Essen für alle, wenn einer irgendwo ein paar Dolloar aufgetrieben hat. Es wird geteilt was da ist. Der Zusammenhalt ist groß unter denen, die nichts haben. Er gibt mir noch einige Tipps für die Weiterreise und ich frage ihn, ob er nicht in seiner Lage lieber wieder nach Deutschland zurück möchte. Er schaut mich an und zögert keine Sekunde: nein, sagt er, er würde lieber hier sterben als zurück. Irgendwie kann ich ihn verstehen, wie würde sein Leben in Deutschland aussehen? Es war schön ihn kennenzulernen und gerne habe ich ihm die Runde Frösche spendiert. Ich verabschiede mich von ihm und wünsche ihm gute Aufträge, die seine Situation etwas verbessern.

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