Archiv der Kategorie: Geschichten

Flucht über die Berge – von Peru nach Bolivien

Nach einer kalten Nacht in Puno, in der es auch im Hotelzimmer nicht wärmer als 5 Grad wurde, frühstückte ich gut und freute mich auf die Fahrt mit dem Bus nach Bolivien.

Puno ist wirklich eine häßliche Stadt und man braucht sich nicht länger als 2-3 Tage dort aufhalten. Europäische Touristen habe ich so gut wie keine gesehen.

dav

Für die Fahrt über die Grenze KASANI nach Copacabana auf der bolivianischen Seite wurden von dem Busunternehmen „Titicaca Bolivia“ (7 Euro) ca. 4 Stunden veranschlagt. Viel Auswahl gab es nicht in Puno für die Strecke an Busunternehmen. Im Internet gibt es kaum Berichte über diese Strecke, von unterwegs getroffenen Backpacker dafür um so mehr wilde Geschichten. Man sollte auf keinen Fall Minibusse nehmen, die Grenze Kasani sei gefährlich. Nur Tagsüber fahren, auf keinen Fall abends über die Grenze. Man kann dort nicht übernachten und eine Weiterfahrt gibt es auch nicht. Angeblich würden einem die Grenzbeamten alle US Dollar abnehmen mit der Begründung es sei Falschgeld.  Und viele andere Geschichten mehr.

Dazu noch die Meldung des Auswärtigen Amtes:

„In Peru kommt es landesweit immer wieder regional zu sozialen Unruhen, die schnell eskalieren können. Häufig kommt es zu kurzfristig organisierten und unangekündigten Straßenblockaden und dabei auch Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung gegen Reisende. Die Bewegungsfreiheit wird dadurch in den betroffenen Gebieten zeitlich und räumlich stark eingeschränkt. In jüngerer Zeit waren besonders die Regionen um Puno am Titicacasee und Cusco sowie die Region Cajamarca betroffen.“

Ach najaaa, dachte ich, habe schon so ziemlich alle Situationen auf der Welt durch und es muß ja nicht gerade heute bei mir etwas schiefgehen. Warnungen und Geschichten gibt es viele und wenn es danach geht, muß man zu Hause auf dem Sofa bleiben.

Also ging es morgens um 7 vom Busbahnhof Terrestre los. Wir fuhren ca. 3 Stunden am See entlang und dann stoppte der Bus. Warum wussten wir nicht, wir sahen überall Fahrzeuge und der Fahrer verbot uns auszusteigen. Eine halbe Stunde später konnten wir raus aus dem Bus. Draußen liefen viele Leute panisch durcheinander, wieder einmal mehr bedauerte ich, nicht genug Spanisch zu sprechen um mich zu verständigen in dieser problematischen Situation. Der Busfahrer sprach auch kein Englisch. Deutsch sprechende Touristen gab es nicht. Ich fand dann heraus, das es Unruhen geben soll und Straßensperren errichtet seien. Eine Weiterreise ist frühestens in 6 Stunden oder erst morgen möglich. Die paar Häuser am Straßenrand hatten sich verbarrikadiert und alle Rolltore runtergelassen. Internet gab es nicht. Ein Restaurant oder ähnliches auch nicht. Keine Getränke, kein Wasser, keine Toilette. Nach weiteren 2 Stunden machten sich die ersten zu Fuß auf den Weg die Brücke vor uns zu überqueren und danach über die Berge zu laufen. Es hieß ca. 5 km weiter würden neue Busse eingesetzt. 5 km über die Berge mit meinem Gepäck; eine kaum vorstellbare Unmöglichkeit für mich. Dieses Mal war ich nicht mit einem 11kg Backpack unterwegs, sondern, weil ich ja immer noch aus Panama mit dem Gepäck vom Boot unterwegs war, schleppte ich mehr als 30 kg mit mir herum, verteilt auf mehrere Koffer und Taschen. So verging eine weitere Stunde, in der ich auf ein Wunder hoffte, was nicht kam. Ich entschied mich also auch zu laufen.

 

dav

dav

dav

Als ich über diese Brücke lief, war mir die Situation in dem wirklichen Ausmaß noch gar nicht klar. Hinter der Brücke waren hunderte feindselig gestimmte Peruaner, die mehrere Feuer angezündet hatten und mit Steinen auf uns warfen. Ich musste durch einen Graben und meine Rollen vom Koffer brachen unten ab.

Fotos machen war unmöglich, alles ging durcheinander. Stehen bleiben und Ausruhen durfte man nicht. Wenn ich mich ausruhen wollte, weil mein Gepäck so schwer war, kamen andere und schubsten und zogen mich mit. Nicht stehen bleiben. Keinesfalls.

 

Ich konnte keine Fotos machen und die wenigen, die ich habe, spiegeln die Situation nicht hinreichend wider. Bis dahin dachte ich, als Touristin habe ich einen Bonus und bin somit unantastbar, schließlich bin ich ja nicht politisch aktiv in diesem Land. Die Stimmung heizte sich aber auf und wie das in Gruppen nunmal so ist, gibt es Bewegungen, Grenzüberschreitungen und Gruppenzwang.

Nach einer Stunde bergauf laufen war ich schweißüberströmt und dem Koma wohl näher als dem Leben. Ich lief immerhin auf über 4000 Metern Höhe, jeder Schritt ist hier sehr mühsam und die Luft ist sehr dünn. Ich überlegte gerade mein Gepäck zurückzulassen und im Graben zu schlafen, als ich auf eine französische Familie traf in einem Van. Sie sahen mich am Ende meiner Kraft und nahmen mich sofort auf in ihr Auto. Das war mein ganz persönliches Wunder. Tausend Dank dafür! Mit dem ausschließlich spanisch sprechenden Fahrer, fuhren wir nun über 4 Stunden durch verschiedene Landschaften und versuchten immer wieder eine Straße zu finden.

dav
Aus dem Auto fotografiert. Keine guten Straßenbedingungen.
dav
Nach 2 Stunden sahen wir noch ein anderes Auto, welches versuchte eine Straße zu finden, dieses verschwand aber dann irgendwo.

dav

dav

dav

dav

dig

 

Für Offroad war der Van gar nicht ausgelegt und wir blieben nicht nur einmal im Wasser und Schlamm stecken. Die Kinder im Van waren sehr tapfer, der Fahrer am Ende seiner Kraft und wir hatten nur eine Chance die Straße zu erreichen, wir mußten schließlich eine Sperre durchbrechen.

Das war sehr gefährlich.

dav
Sehr gefährlich. Wir mussten die Sperre durchbrechen.
dig
Sie hoben Steine auf um sie auf uns zu werfen. Manche waren mit Messern oder Ackerwerkzeugen bewaffnet.
dig
Aus dem Auto raus fotografiert. Immer wieder machten sie das Zeichen für „Kopf ab“. Eine Warnung, die man nicht ignorieren sollte.

dig

Unser Fahrer gab im richtigen Moment Gas. Wir fuhren durch mit einem Trick.

Eine halbe Stunde später fanden wir einen Bus in den ich einsteigen konnte und ich verabschiedete mich dankend von meinen Helfern.

dav
Mitten im Nichts ein Bus, Verständigung war nicht möglich, egal, ich wartete weitere 2 Stunden, bis wir so viele weitere Flüchtlinge aufgenommen hatten, wie reinpassten. Dann ging es los.

Später im Bus erfuhr ich, das die Sperrungen nicht wie vorher geschätzt sich über 5 km hinzogen, sondern über 25 km. Eine Strecke in dieser Höhe mit viel Gepäck, ohne Pausen, ohne Wasser, fast nicht machbar. Ich habe niemanden von den Leuten aus dem ersten Bus je wieder gesehen.

 

 

Es war einmal…

Geschichten, die das Leben schreibt…

Als ich in Phnom Penh Harri anspreche und nach Tipps für den nächsten Tag für Ausflüge frage, ahne ich noch nichts von seiner Obdachlosigkeit und der Geschichte, die dahinter steht.

Ich spreche ihn einfach an, so wie ich es immer mit verschiedenen Menschen tue; entweder bekomme ich einfach nur einen guten Tipp oder es entwickeln sich sogar nette Gespräche. In diesem Fall beides und wir gehen noch ein Bier trinken um uns weiter zu unterhalten.

Harri lebt schon viele Jahre hier in Kambodscha, er wird jetzt demnächst fünfzig und hat mit dem Leben in Deutschland abgeschlossen. Er ist Handwerker und hatte anfangs noch gute Aufträge, von denen er und seine wechselnden kambodschanischen Freundinnen gut leben konnten. Harri ist hungrig und fragt mich, ob ich ihm eine Runde Frösche ausgeben kann. Ich kann. Und so knabbert er an den frittierten Froschbeinen herum, während er weiter erzählt. Seine erste Freundin hatte etwas Land in der Stadt, wo er ein kleines Häuschen drauf baute und mit Gelegenheitsjobs das Mädchen, die Mutter und den Sohn ernährte. Dafür brauchte seine Freundin nicht mehr in der Prostitution arbeiten und konnte zu Hause bleiben und sich um ihren Sohn kümmern. Manchmal langte das Geld aber auch nur für seine Zigaretten und seine Tabletten, denn er bekam einen Bandscheibenvorfall und muss seitdem starke Schmerztabletten nehmen. Bekommt man ja hier alles ohne Arzt. Kostet eben nur. Rücklagen waren schon längst aufgebraucht, durch eine Pleite in München in der Gastronomie damals mit seinen Eltern zusammen. Die leben jetzt schon  lange von Hartz 4. Harri nicht. Hier gibt es das nämlich nicht.

Mir fallen erst jetzt seine starke Abmagerung und die Kuhlen in den Wangen auf. Mangelnde Zahnhygiene hat seine Zähne dahingerafft. Harri sagt, nur die wenigsten Menschen wissen was wirklich Hunger ist. Es ist kein Geld da. Nicht zum Essen und nicht für die Gesundheit. Er fieselt weiter an den trockenen Fröschen rum und erzählt das seine Freundin mittlerweile einen Amerikaner geheiratet hat, sein Quad, sein Pass und alle Dinge aber noch in dem Haus sind. Und er nicht dran kann, weil er ihr noch Geld schuldet. Sein Laptop, Handy und alles was er sonst noch besaß ist mittlerweile im Pfandhaus. Ja, das gibt es hier in Kambodscha auch. Geld zuschicken lassen kann er sich nicht, dafür brauch er seinen Pass. Den Quad verkaufen kann er nicht, dafür brauch er das Geld um ihn auszulösen. Aufträge kann er nicht mehr annehmen, weil sein Handy weg ist. Mittlerweile isst er die Reste von meinem Teller weiter, ich nehm noch schnell meine Serviette runter.

Er hat danach noch andere ähnlich schlecht laufende Bekanntschaften gehabt. Wir unterhalten uns über alles Mögliche und ich merke ihm seine besseren Zeiten an. Er ist gebildet, kennt sich mit vielen Dingen gut aus und von seinem Handwerk versteht er eine Menge. Jetzt teilt er sich gerade mit einigen anderen kambodschanischen Obdachlosen ein Zimmer für 7 USD. Manchmal gibt es Essen für alle, wenn einer irgendwo ein paar Dolloar aufgetrieben hat. Es wird geteilt was da ist. Der Zusammenhalt ist groß unter denen, die nichts haben. Er gibt mir noch einige Tipps für die Weiterreise und ich frage ihn, ob er nicht in seiner Lage lieber wieder nach Deutschland zurück möchte. Er schaut mich an und zögert keine Sekunde: nein, sagt er, er würde lieber hier sterben als zurück. Irgendwie kann ich ihn verstehen, wie würde sein Leben in Deutschland aussehen? Es war schön ihn kennenzulernen und gerne habe ich ihm die Runde Frösche spendiert. Ich verabschiede mich von ihm und wünsche ihm gute Aufträge, die seine Situation etwas verbessern.