5 Jahre Airbnb – Der Wahnsinn klingelt nachts

Vor einigen Jahren entdeckte ich durch eine Werbung die Möglichkeit auf einer Internetplattform ein freies Zimmer anzubieten und somit Menschen, die sich auf der Durchreise befinden, eine Unterkunft zu bieten. Meine Wohnung ist mit vier Zimmern sowieso zu groß für mich allein und ich habe eigentlich gerne Gäste, also warum nicht einen Versuch starten, dachte ich mir. Couchsurfen gegen Bezahlung. Man lernt nette Menschen kennen und schließt neue Kontakte. Bis zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nichts von den Dingen, zu denen Menschen aus unterschiedlicher Motivation fähig sind. Und sie taten schlimme Dinge. So ziemlich alles was man sich lieber nicht vorstellen möchte. Nach nunmehr fünf Jahren ist meine Wohnung komplett renovierungsbedürftig und mein Wunsch nach Gästen vermutlich lebenslang erloschen.

Wohl jeder findet es sonderbar, fremde Menschen im Bad anzutreffen, sich nicht mehr frei in der eigenen Wohnung bewegen zu können und nur wenige sind enthusiastisch und positiv denkend genug, um genau das zuzulassen. Ich habe lange darüber nachgedacht und wollte es dennoch versuchen. Was sollte schon groß passieren? Die Leute müssen sich auf dem Portal mit einem Ausweis verifizieren und Airbnb hat mit einer Versicherung zur Schadensregulierung geworben. Das diese nur ganz begrenzt, und ab einer gewissen Summe und unter schwierigen Nachweisen greift, steht in dem „Ganzkleingedruckten“.

Gegen Langeweile helfen Gäste…

Ich richtete ein Gästezimmer ein und meine persönlichen Sachen entfernte ich. Kaufte neue Bettwäsche und Handtücher, Zudecken, Tisch, Stuhl und einen bequemen Sessel. Das Zimmer war fertig und wartete auf den ersten Gast. Dieser buchte auch recht bald und kam aus London. Beim ersten Gast war ich noch ziemlich aufgeregt und wollte alles perfekt machen. Das Bett frisch bezogen, die Wohnung blitzblank, auf dem Nachtschrank ein netter Willkommensgruß aus Schokolade mit Informationsmaterial über die Stadt. Als ich die Tür öffnete staunte ich nicht schlecht als ich zwei junge Inder vor meiner Tür sah. Die beiden teilten sich 3 Tage lang ein Bett und waren äußerst nette und ordentliche Gäste.

Nun wurde ich mutiger und vermietete gleich einen ganzen Monat an eine junge Schauspielerin, die ganze vier Wochen an allem rummeckerte, die Straße zu laut, das Zimmer zu klein, die Gegend zu dunkel, kein Fahrrad welches für sie bereitstand, keine Kuchengabeln vorhanden. Sie ging jeden Abend feiern und kam erst nachts nach Hause. Da sie dann erst Mittags aufstand, konnte ich meinen Mixer für mein Frühstück nicht anwerfen, nicht Staubsaugen, nicht Wäsche waschen. Ich war froh als die Zeit zu Ende war. Im Kühlschrank blieb noch ein großer Topf ihrer Cortisonsalbe zurück, welche sie permanent gegen ihren eitrigen Ausschlag benötigte.

Und das Chaos nahm seinen Lauf

Der Schauspielerin folgte eine junge Dame aus Venezuela, die mir meinen Schmuck aus den Schubladen stahl. Da ich dieses erst nach der Abreise bemerkte und nichts beweisen konnte, gab es keinen Schadensersatz – das „Ganzkleingedruckte“ in den AGB zahlt dann nämlich nicht.

Es kamen auch nette Menschen, die kurzzeitig da waren und so richtete ich das zweite Zimmer ebenfalls als Gästezimmer ein. Ich ahnte damals nicht, dass ich ab diesem Zeitpunkt so gut wie keine ruhige Minute und nachts auch oft keinen Schlaf finden würde.

Brandgefährlich

Eines Nachts wollte ich ins Bad und kam an der Küche vorbei. Die war gerade kurz davor abzubrennen. Durch die fürchterliche Rauchentwicklung konnte ich die Ursache nicht sofort sehen. Eine Pizza brannte im Ofen und hatte Feuer gefangen. Der Gast war längst eingeschlafen.

Als nächstes schmorte die Platine meiner Abzugshaube durch, abends wurde noch was gekocht und der Gast hatte vergessen sie auszuschalten. So blieb sie solange an, bis sie durchbrannte. Einmal kam ich morgens in meine Küche und wunderte mich warum es so warm war….der Motor des Kühlschranks war kurz vorm Brennen, da die Tür die ganze Nacht über offen war.

Warum ich nicht hier bereits Schluss mit dem ganzen Chaos machte? Ich war zielorientiert und sparte für meine nächste Weltreise. Auch wenn ich Tag und Nacht im Einsatz war und mich in meinen eigenen vier Wänden als Hostelbesucher fühlte, war es für mich die einzige Möglichkeit damals reisen zu können.

Nette Begegnungen

Es gab auch sehr schöne und bereichernde Begegnungen. Gäste, die sich wirklich als Gäste benahmen. Das war eher die Ausnahme aber umso schöner und auch ermutigend dafür, weiterzumachen.

Ich lernte Binu aus Bangalore kennen, dem ich in einigen Dingen weiterhelfen konnte. Das machte mich sehr glücklich. Wir kochten zusammen und hatten nette Gespräche. Er schenkte mir indische Gewürze. Auch  heute haben wir noch guten Kontakt. Und ich lernte Flo kennen, der bei Airbus seine Abschlussarbeit schrieb und nebenher ehrenamtlich Öfen in Afrika baut. Als ich nach meinem schweren Unfall mein Bein in einer Motorschiene hatte, setzte sich mein Gast, eine Koreanerin, den ganzen Abend neben mich. Wir konnten uns kaum unterhalten, aber sie streichelte mein Bein und sagte immer wieder: everything will be fine. Es gab auch lustige Kochabende oder im Winter bis spät nachts Glühweinabende. Aber leider waren das die absoluten Ausnahmen.

Schlafen? Nur was für Weicheier…

An Schlaf war oft gar nicht zu denken. Nachts reisten Leute an und wieder ab, fanden den Weg nicht, nahmen den falschen Zug, versprachen um 6 Uhr zu kommen und kamen nachts um 2 Uhr, telefonierten die ganze Nacht wegen der Zeitverschiebung zum anderen Kontinent, brauchten ganz dringend 100 Seiten um 23 Uhr ausgedruckt, Fernbusbuchungen mussten noch eben ganz schnell  über meine Kreditkarte gebucht werden, weil die ausländischen Karten nicht gingen und die Fahrt schon am nächsten Tag war,  Gäste skypten jede Nacht in voller Lautstärke mit mehreren Arbeitskollegen wegen einem Job im Ausland…die Liste ist endlos lang…

Wohnungstod

Ein Holländer, der ebenfalls einen Monat gebucht hatte, war ganze 4 Wochen auf seinem Stuhl angewachsen und verließ so gut wie niemals das Zimmer. Es war Januar und da er unter starken Schweißausbrüchen litt, machte er die Heizung im Zimmer erst gar nicht an. Durch die Kälte und die immer geschlossene Tür, bildete sich Schimmel an den Fensterseiten, der sich zügig, breitflächig und unaufhaltsam weiter vorwärts arbeitete. Das Zimmer war nach Ablauf der Mietzeit total verschimmelt und ich musste es grundrenovieren.

Das Laminat weichte in dem einen Zimmer auf, weil das Fenster bei Regen nicht geschlossen wurde. Die Lampen wurden nicht ausgeschaltet bei Abwesenheit, die Heizungen liefen auf fünf bei geschlossener Tür, so das es 30 Grad im Raum hatte, und ich dachte ich laufe vor eine Wand bei Betreten des Raumes. Meine Nebenkosten schossen explosionsartig in die Höhe. Schon längst hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, jeden Gast auf Schritt und Tritt zu beobachten, so das nicht noch mehr Schäden entstehen…aber es kam alles noch schlimmer.

Ekelige Dinge

Es waren männliche Gäste da, deren Spuren an der Wand des Bettes klebten. Gäste, die wirklich unwirkliche 25 Minuten mit vielen Geräuschen in meinem Bad duschten, die morgens um vier vor meinem Bett standen und kuscheln wollten, die nachts meine Lebensmittel gegessen haben, so das mir nichts anderes übrigblieb als mein Schlafzimmer in ein Lebensmittellager umzuwandeln.

Schon lange konnte ich nicht mehr schlafen wenn ich müde war, essen wenn ich hungrig war (einige  besetzten endlose Stunden meine Küche und machten mit dem Laptop Kochkurse), andere wollten Kuchen backen für die neuen Arbeitskollegen und meine Backbleche und Formen verschwanden entweder oder waren soweit eingebrannt, das man sie nur noch entsorgen konnte. In meiner Wohnung stank es nahezu zu jeder Tageszeit und je nach Nationalität nach Zwiebeln, Knoblauch, Eiern und Gebratenem. Nicht nur einmal bin ich morgens auf dem Weg zum Bad auf altem Ei ausgerutscht.

Tür- und Torwächter

Meine Haustür stand nächtelang komplett offen, weil der Gast erst Mitternacht heimkam und die Tür nicht ordnungsgemäß geschlossen hat. Also blieb ich jedes Mal solange wach, bis alle im Bett waren und ich sicher sein konnte das diesmal nichts abbrennt und auch alle Türen geschlossen sind. Schon lange gab es zu diesem Zeitpunkt Hausregeln, die jeder Gast zu Beginn unterschreiben musste. Völlig nutzlos.

Manche Gäste kamen schon krank an und lagen tagelang im Bett und blockierten und verschmutzten dementsprechend das Bad. Sagrotan wurde mein bester Freund und ich musste ein Klobürsten-Abo buchen. Meine Abflüsse waren ständig verstopft. Mit Fett und Essensresten in der Küche, mit Haaren im Waschbecken und in der Dusche. Intimrasuren wurden im Flur oder Bad durchgeführt und einfach so belassen, Zehnägelreste verteilten sich überall und klebten unter den Füßen auf dem Weg zur Küche.

Die Erlösung – Schluss mit dem Wahnsinn

Als der Chinese dann mit samt meinem Vorhang und der kompletten Jalousie in der Dusche ausrutschte, mit dem Kopf auf die Fensterbank schlug und der Rumäne ziemlich zeitgleich das Eckventil in der Küche abgerissen hatte, so das alles unter Wasser stand, war der Punkt für mich erreicht, aufzuhören.

Aufzuhören mit dem Wahnsinn, der mich seit nunmehr 5 Jahren begleitete. Mir so viele Reisen ermöglicht und mir gleichzeitig das Leben zur Hölle gemacht hat. Fünf Jahre in denen ich Rücksicht auf alles und jeden genommen habe, meinen Tagesrythmus wochenweise ständig umstellen musste auf Nachtschichten oder Tagschichten, in denen ich über dreckige Wäsche drüber gestiegen bin, Krankenschwester gespielt habe, Beziehungsberater war, Deutschlehrer und Fremdenführer. Fünf Jahre, in denen ich nicht nur unglaubliche Geschichten gehört habe, sondern sie auch erlebt habe.

Mein Frieden ist nicht mehr käuflich.

Er hat keinen Preis mehr.

©by shivayacondios

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s